Donnerstag, 3. September 2015

Abschied, Ankunft & Verdauen

So, dies wird wahrscheinlich erstmal mein letzter Eintrag sein. Es sei denn ich kehre bald wieder zurück. Ich kann es selber noch nicht fassen, dass jetzt alles vorbei sein soll. Von hier aus erscheint mir alles wie ein großer, viel zu schöner Traum. 





mein Abschied in Deutschland
Monkey in the tree
Ich kann meine Rückkehr erstmal in drei große Abschnitte teilen und fange mal mit den Abschieden an:
So viel geweint habe ich noch nie. Beim Abschied aus Deutschland fiel mir das alles überhaupt nicht schwer, es ist keine Träne geflossen und Heimweh hatte ich über das Jahr auch nicht. Aber sich von Jemandem FÜR IMMER zu verabschieden... Das ist eben doch etwas ganz anderes.


Schon circa einen Monat vor Abflug, vor dem 14.7.15, fing man an, anders zu denken. Pragmatisch begann man, eine Liste abzuarbeiten, was man noch alles machen möchte. Natürlich fehlte die Zeit vorne und hinten. Alles wurde zu einem „Zum-letzten-Mal-Denken“. Zum letzten Mal Bus fahren, zum letzten Mal einige Freunde sehen, zum letzten Mal kalt duschen, zum letzten Mal ins Lieblingscafé, zum letzten Mal auf dem Markt einkaufen, zum letzten Mal die Menschen sehen, die einem so ans Herz gewachsen sind.
Aber letztendlich habe ich bis zum Ende, bis zum letzten Tag in Bolivien, nicht realisiert, dass es nun wirklich zu Ende ist. Die Welt, Deutschland, alles erscheint einem so weit weg und so fremd, dass man sich vielleicht einerseits nicht eingestehen will, aber auch gar nicht vorstellen kann, dass man plötzlich wieder in sein deutsches Alltagsleben zurückkehrt.

Meinen ersten richtigen Abschied hatte ich schon ein ein halb Wochen vor Abflug.
Da die Sommerferien begannen, gingen einige Kinder zu Verwandten oder Paten und es blieben nur noch die, die gar keine Angehörigen hatten und diejenigen, die irgendwas angestellt hatten und deshalb nicht nach Hause durften.
Eigentlich dachte ich die Veranstaltung wäre für die Kinder gewesen, aber sobald sie begann, wurde ich in die erste Reihe gebeten und mir wurde erstmal ein Video gezeigt, dass Franziska (die andere deutsche Freiwillige im Heim) für mich gemacht hatte. Es waren eigentlich nur Bilder darin, aber die Erinnerung und vor allem die Erkenntnis, dass mein Abschied nun wirklich nicht länger aufzuschieben war, hauten mich um und das erste Mal brach ich vor dem versammelten Heim in Tränen aus. Mir war das erst sehr unangenehm, aber nachdem mir mein Chef Cristian dann noch eine ewig lange Dankesrede hielt und ich dann noch ein paar Worte durchs Mikrofon presste, bemüht nicht wieder aufzuschluchzen, wurde mir etwas klar: Die Kinder sahen mich plötzlich mit anderen Augen. Dadurch, dass ich ihnen durch meinen kleinen Gefühlsausbruch gezeigt habe, wie viel sie mir bedeuten, kamen sie an dem Abend aber auch die nächsten Tage ziemlich oft zu mir, um mir zu danken, mich zu umarmen und auch mir zu zeigen, dass ich wichtig für sie war und sein werde. Ich bekam tausende süße Briefe, noch viele liebe Worte und herzliche Gesten. Was kann man sich Schöneres wünschen?
Danach führten die Kinder noch einige Theaterstücke und Tänze auf und es gab noch einen kleinen Snack. Danach liefen nicht nur bei mir die Tränen, sondern auch bei einigen Jungs, was mich sehr gerührt hat!
während meiner Rede..


als die Jungs für mich gesungen haben :')

Duett

Franzis Klavierschüler und mein Flötenkind





links mein Patenkind Daniel



Augenblicke zwischen Heulen und Lachen :D



der kleine hat am meisten geweint :'(




meine beiden Englischschüler



im Bus
mit der Doktorin
Am Wochenende danach ging es auch schon auf einen Mitarbeiterausflug, der eine gute Gelegenheit war, sich noch einmal mit allen zu unterhalten und die letzte gemeinsame Zeit zu genießen. Der Ort nennt sich Roboré und wenn er nicht so weit weg wäre, würde ich dorthin so manchen für ein paar Wellnesstage à la nature verbannen. Typisch bolivianisch waren 6 Stunden Fahrt für eine Übernachtung wie selbstverständlich. In dem kleinen Bus (ähnlich VW-Bus) vom Kinderheim fuhren wir mit circa 20 Mitarbeitern im Morgengrauen los und machten einige Stopps in kleinen Dörfern oder an Sehenswürdigkeiten. Die Stimmung war gut, gegessen haben wir immer auf dem Markt. Wir hätten übrigens auch mit der Bahn fahren können. Das ist etwas gaaanz Besonderes in Bolivien! Es gibt nämlich nur diese eine Bahnstrecke im ganzen Land. Leider braucht die Bahn länger, als wenn man mit dem Bus oder Auto fährt, vielleicht vermissen sie die Bolivianer im restlichen Land deshalb nicht.

Nun zu den Aguas Calientes: Das sind natürliche heiße Quellen, die in Bolivien nicht selten sind. Das schön in Roboré war, dass diese noch nicht allzu touristisch genutzt sind und alles wirklich noch sehr natürlich ist. Die Quellen sind quasi mitten in einem ruhigen Fluss. Dort geht man rein (in Bolivien geht man mit Klamotten schwimmen) und ist dann so ungefähr bis zur Hüfte und an den tiefsten Stellen bis zum Kinn im Wasser. Die Bolivianer sind ja etwas kleiner und verschwinden manchmal auch ganz im klaren Wasser.


erster Stopp


mit der anderen Freiwilligen ganz oben :)

der Chauffeur und Bruder





Gruppenfoto




ups. auf dem Kopf

Mensch! Mensch! Mensch!


Gesichtsmaske - Luxuswochenende
Es ist irgendwie total unvorstellbar, aber das Flusswasser ist eigentlich kalt. Nur der circa ein Kilometer lange Bereich, an dem die heißen Quellen sind, ist angenehm warm bis richtig heiß. Ich wurde direkt mal von meinen Mitarbeitern wortwörtlich in die Falle gelockt. Da wo die Quellen im Fluss entspringen wird ein bisschen Sand aufgewirbelt, sodass man den Boden nicht mehr sieht. Ich kam begeistert vom warmen Wasser auf die anderen zugewatet, das Wasser bis zu den Hüften... Sie saßen im Kreis und sagten mir, ich solle mich auf eine bestimmte Stelle stellen. Ich ging nichtsahnend auf die Stelle zu, was mit einem Schrei endete. Die kleine Tina ist ins Loch gefallen. Da, wo der Sand aufwirbelt, ist quasi kein Boden und man fällt so einen Meter tief. Man landet dann aber nicht auf Grund, sondern wird irgendwie von der Quelle wieder hochgedrückt. Ein total komisches Gefühl, ein bisschen so wie Fliegen. Man spürt nur aufgewirbelten Sand um sich, aber kann keinen Grund erreichen. Durch mein Unwissen habe ich auf jeden Fall den halben Fluss zum Lachen gebracht.




in den heißen Quellen

Die Woche nach dem Mitarbeiterwochenende verbrachte ich in Cotoca, was ihr ja schon aus meinen alten Blogeinträgen kennt. Viele Kinder waren ja schon in den Ferien und damit die restlichen nicht so traurig sind, machen sie in den Ferien ihren „eigenen Urlaub“ und fahren ins Ferienhaus. Dorthin fuhr ich dann nach und verpasste somit leider auch den Papstbesuch in Santa Cruz. Das Highlight des Jahres wurde schon Monate vorher vorbereitet und ich habe gehört, dass der Papst sogar an unserer Haustür vorbeigefahren ist. Man soll aber eh nur eine Hand gesehen haben und irgendwie war es mir in meiner letzten Woche wichtiger, die Zeit mit den Jungs zu verbringen. Ich genoss die letzten Tage in vollen Zügen (diesmal nicht wortwörtlich), auf alten Matratzen und mit geteilten oder manchmal auch gar keinen Decken. Also kurzum mit verdammt viel Spaß, aber sehr spartanisch.

















Ich kam Freitags zurück und fuhr dann auch direkt zum nächsten Abschied. Die liebevoll genannten Mamis, der Psychologe und ein paar Brüder bereiteten ein Abschiedsessen für mich vor. Es gab mein geliebtes Sonso, Empanadas und Salteñas, also alles Typische, was mein Herz höher schlagen lässt. Mit Hilfe der anderen Freiwilligen bekam ich eine süße Riesenkarte und unglaublich liebe Worte.



Am Samstag (und eigentlich auch schon am Dienstag) gingen Patricia und ich zusammen mit ein paar bolivianischen Freunden feiern. Endgültig verabschieden wollten wir uns dann doch noch nicht und genossen so nochmal den bolivianischen Flair, die Musik und die Mentalität.
Am Sonntag kam dann der nächste Abschied. Ich besorgte Panchitos (Hot-Dogs) und Softdrinks, schmückte mit Franziska den Veranstaltungsraum im Kinderheim und dann begann die Feier. Mit allen Kindern wurde getanzt und gelacht. Die Tränen und der Abschied erst noch etwas verdrängt. Es war ein wirklich schöner Abend!




Am Montag ging ich bis Mittags arbeiten und musste dann auch schon zum Abschiedstreffen mit unserer Organisation. Das war jetzt nicht so spannend, das Jahr und die Betreuung bewerten etc.. Dann musste wohl oder übel auch endlich mal der Koffer gepackt werden, denn noch weiter aufschieben konnte ich das nicht. Abends war dann auch noch das Abschlussessen der Organisation. Das war wirklich im feinsten Restaurant Santa Cruzs. Es war schön nochmal mit allen Freiwilligen zusammen zu sitzen und über Erwartungen und Gefühle von vor einem Jahr zu reden.
Abends traf ich mich noch mit einem Freund und danach mit Patricia und zwei Freunden, mit denen wir noch spät in die Nacht Karten spielten und quatschten.
Als wir im Morgengrauen nach Hause fuhren, machte ich nen super Deal mit einem netten Taxifahrer: Er wartete bis ich geduscht hatte und meine Sachen gepackt hatte (ich habe viele Klamotten etc. aussortiert und alles mit ins Heim genommen, die freuen sich da über alles!) und fuhr mich dann zum Heim, wo er eine weitere Stunde Nickerchen machte. In dieser viel zu kurzen Stunde musste ich mich endgültig verabschieden. Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, aber das bin ich selber Schuld, weil ich den Abschied bis zum Ende rausgezögert habe. Ich bin mir relativ sicher, dass ich noch nie so viel an einem Stück und erst recht nicht an der Öffentlichkeit geweint habe. Manche Kinder haben nicht so ganz realisiert, dass ich nun wirklich weg bin, andere schenkten mir viel zu liebe Worte... Ein paar weinten mit mir. Ich wurde bis zum Taxi von ihnen begleitet und hätte sie am liebsten mitgenommen! Auch bis Zuhause hatte der Stress die Tränen nicht versiegen lassen. Ich packte in 10 Minuten meine letzten Sachen in den Koffer und dann ging‘s auch schon zum Flughafen. Dann war es doch viel zu viel Aufregung vom Abschied und Stress, um zu realisieren, dass nun wirklich alles vorbei sein sollte.
Am Flughafen wurden Patricia und ich dann noch von drei Freunden überrascht, die uns allerdings so lang in ein Gespräch verwickelten, dass wir um zwei Minuten fast unseren Flieger verpasst hätten... Wir wurden schon ausgerufen! Würdiges Ende.



meine bolivianische Mama








die zwei Kleinsten



am Flughafen


An gut einem Tag habe ich ein ganzes Jahr, die halbe Welt und viele schöne Erinnerungen hinter mir gelassen. Auch wenn ich noch mit zwei weinenden Augen los flog, kam ich mit einem Lachen im deutschen Lande an. Am Kölner Hbf wurde ich überraschend von meiner meiner Mutter und meiner lieben Nachbarin abgeholt. Am Dormagener Bahnhof holte mich/ uns mein Bruder mit seinem neuen Auto ab. Eine Überraschung nach der anderen... Zuhause warteten dann nicht nur Omas und Opas, sondern auch Nachbarn uund sehr unauffällig hinterm Busch kichernde Freunde! Ich habe das alles überhaupt nicht erwartet und bin echt froh, dass ich EUCH alle habe!! Ich habe mich direkt wieder wohl Zuhause gefühlt und so viel mir die Ankunft nicht schwer, sondern war sogar richtig schön! DANKE!

die (schon halb aufgelöste) Runde ZUHAUSE
Zuhause sein ist irgendwie so, wie vorher. Also ganz grob gesehen. Wenn man genauer hinsieht, hat sich natürlich schon ein bisschen was geändert. Aber von hier aus erscheint mir das ganze Jahr in Bolivien jetzt wie ein großer viel zu schöner Traum!
Da ich den Monat nach meiner Ankunft quasi immer unterwegs war, sei es um Freunde wiederzusehen, die Woche in England, die Woche, in der Patricia mich besuchen kam, mein Geburtstag oder das Rückkehrerseminar, kam ich nie richtig dazu, alles zu verdauen. Ich habe so viel erlebt, mir ein neues, eigenes Leben aufgebaut und vom einen auf den anderen Tag, ist wieder alles vorbei. Darüber haben wir auch viel im Seminar geredet. Man kann es nicht so gut nachvollziehen, wenn man es nicht selber erlebt hat, aber meistens ist Weggehen viel einfacher als Wiederkommen.
Tagsüber hatte ich jedenfall immer so viel zu tun, dass ich nie richtig zum Verarbeiten gekommen bin. Gleichzeitig scheint der Kopf das aber doch noch nicht so richtig verdaut zu haben und das zeigt sich an den Träumen. Ich träume wirklich jede Nacht von meinem Abschied, einem Wiederkommen und den Kindern. Ein Teil meines Herzens ist eben doch noch in Santa Cruz...
Standbild beim Seminar "so ist es zu gehen"

alle Freiwilligen von Volunta in Bolivien 2014/15


So, nun zu meiner Zukunft. Ich werde euch hier höchstwahrscheinlich nicht mehr auf dem Laufenden halten. Aber wer sich den letzten Teil meines Eintrages durchliest, könnte schon drauf kommen, dass ich Psychologie studiere. Mein Studium beginnt in einer guten Woche, ich gehe an die Uni Mannheim und bin zur Zeit noch kräftig auf Wohnungssuche.
Wenn ihr demnächst auch noch wissen wollt, was bei mir so im Leben läuft, dann meldet euch doch einfach persönlich bei mir! Ihr müsstet eigentlich alle meine Handynummer haben oder wissen, wo ich wohne. Ansonsten hier meine Emailadresse: christina.dickers@gmail.com



Hasta pronto, Bolivia! No solo quiero a ti pero especialmente a tu gente amable!